Plötzlich unterbricht uns ein lauter Schrei unseres Fahrers. Aufgeregt
fuchteln seine Finger gen Himmel. Jetzt sehen auch wir die vielem
Geier, die am tiefblauen Himmel ihre Kreise ziehen. Dies ist für
die Rancher das Zeichen für Tierleichen und für Wilderei. Die Wagenkolonne
stoppt. In einem aufgeregten lauten Wortschwall hallen die Befehle
durch die inzwischen heiße Luft der Steppe. Dann trennen sich die
Fahrzeuge und wir alle hoffen, uns nach diesem Einsatz wieder lebend
zu sehen. Denn schon oft gerieten "Wildlifesoldaten" in einen Hinterhalt
der Wilderer und mussten Stunden in Deckung bleiben, da die Gegner
waffen- und zahlenmäßig hoch überlegen waren. In Gedanken gehen
mir die Worte des Chefs der kleinen Kaserne durch den Kopf: "Oft
schon kam es vor, dass meine Leute von einem Einsatz nicht mehr
zurückkehrten oder sehr schwer verletzt wurden. Damit beginnt auch
das Problem der Versorgung ihrer Familien, denn eine Versicherung
ist infolge des Risikos viel zu teuer und unser Staat hat auch das
Geld nicht um die Familien zu versorgen..."
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| Elefantenkadaver |
Erneut stoppt das Fahrzeug und wir sehen in einiger Entfernung einen Elefantenkadaver
am Boden liegen. Natürlich fehlen die Stoßzähne. Wir springen aus
dem Auto und gehen alle in Deckung, die Waffen im Anschlag. Langsam
robben wir uns zu dem Kadaver vor. Blut klafft aus dem Kiefer des
Tieres und tiefe Wunden verraten den einstigen Platz der Stoßzähne.
Tief erschrocken stellen wir fest, dass das Tier noch lebt. Alles
deutet daraufhin, dass die Stoßzähne in Hast mit einer Motorsäge herausgetrennt
wurden. Wir sind nur noch etwa zehn Meter von dem leidenden Tier entfernt.
Durch mein Fernglas betrachte ich den Kopf des Elefanten. Mir stockt
der Atem. Das Tier hat Tränen in den Augen und ich glaube in ihnen
den Schrei nach Hilfe zu lesen. Was sind dies bloß für Menschen, denke
ich mir. Wut steigt in mir auf und ich verfluche jeden,
der nur Elfenbein besitzt. Wir müssen dem Elefanten den Gnadenschuss
geben. Doch dadurch begeben wir uns in Lebensgefahr, da wir dadurch
den Wilderern unsere Position verraten. Ein Funkspruch unterbricht
die erdrückende Stille.
In englischer Sprache wird uns mitgeteilt, dass ein Aufklärungsflugzeug
die Wilderer in der Nähe der somalischen Grenze gesichtet hat. Keine
Gefahr also mehr für uns. Einer der Wildhüter steht auf, das Gewehr
im Anschlag, und geht auf den vor uns liegenden Elefanten zu. Das
Geräusch des Schusses trifft mich wie ein Donnerschlag. Ich sehe,
wie sich das verletzte Tier noch einmal aufbäumt und dann endlich
von den Qualen erlöst ist. Ich schließe die Augen. Das Gefühl und
die Trauer einen guten Freund für immer verloren zu haben durchströmt
meinen Körper. Traurig steige ich wieder in unser Fahrzeug.
Die Fahrt geht weiter. Überall liegen tote Tiere. Hier ist scheinbar
auf alles geschossen worden, was sich bewegte. Meine Wut auf die
Wilderer, die mal wieder, wie so oft, mit heiler Haut davongekommen
sind, und vor allen Dingen auf deren Auftraggeber steigt ins grenzenlose.
Sogar unser Einsatzleiter scheint jeden Moment die Selbstbeherrschung
zu verlieren.
Etwa einen Kilometer vor uns tauchen unsere zwei Einsatzwagen
und ein weiteres Fahrzeug eines Außenpostens auf. In den Gesichtern
unserer Leute sieht man deutlich die Spannung. Wir erreichen die
Autos und sind entsetzt. Drei tote Elefantenmütter, zwei tote Elefantenjunge
und ein lebendes Baby. Das lebende Elefantenkind ist von der Sonne
verbrannt und in einem jämmerlichen Zustand. Um sich vor der totalen
Austrocknung zu schützen, holt der kleine Elefant mit dem Rüssel
schon Magenflüssigkeit aus seinem Körper, um sich damit zu bespritzen.
Der kleine Kerl muss mindestens schon zwei Tage bei seiner toten
Mutter gestanden haben. Langsam nähern wir uns dem bedauernswerten
Elefantenwaisen. Trotz seines schlimmen Zustandes versucht er seine
Mutter zu verteidigen.
In Angriffstellung, die Ohren vom Kopf abstellend und auf den
Vorderbeinen hin und her trippelnd, baut er sich vor seiner Mutter
auf. Er ist jedoch so schwach, dass er vor unseren Augen den Boden
unter den Füßen verliert. Unser kleines Elefantenkind ist noch bei
Bewusstsein, jedoch nicht in der Lage allein aufzustehen. Sofort
leiten wir Erste-Hilfe-Maßnahmen ein. Decken werden aus den Autos
geholt und mit Wasser aus mitgebrachten Kanistern befeuchtet. Einer
der Wildhüter, der bereits bei der berühmten Elefantenmutter Daphne
Sheldrick gearbeitet hatte, hüllt den kleinen Kerl vorsichtig ein.
Die Sonne brennt inzwischen gnadenlos auf uns nieder. Um dem Elefantenbaby
richtig Schatten zu spenden, knüpfen wir zusätzlich die Planen der
Geländefahrzeuge zusammen. Unser kleines Elefantenbaby lässt jetzt
alles über sich ergehen, es ist zu schwach um sich zu wehren. Mehr
können wir im Moment nicht tun. "Wie geht es jetzt weiter?", frage
ich den Chef unserer Truppe. "Habt ihr schon einen Hilferuf an Daphne
Sheldrick geschickt?" "Ja, sie ist schon heute früh unterrichtet
worden. Der Transporter für den armen Kerl ist schon lange unterwegs",
erwidert der Wildhüter.
Der üble Geruch der Verwesung steigt mir in die Nase. Was sind
dies für Menschen, denke ich mir und mir fällt das Wort Gottes ein:
Du sollst nicht töten. Ob Gott dies auch auf Tiere bezogen hat?
Ich bin mir sicher, denn auch Tiere sind Lebewesen, haben Gefühle
und empfinden Schmerz wie wir.
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